Medizinischer Fachbereich

Pharmazie neu denken: ganzheitlich zur Nachhaltigkeit

Nach Expertenmeinung ist Nachhaltigkeit in der Pharmazie sogar noch wichtiger als in anderen Bereichen. Doch nur „grün“ ist hier zu kurz gedacht, wie Experten beim Weleda Fachpresse-Club in München diskutierten.

Nach Expertenmeinung ist Nachhaltigkeit in der Pharmazie sogar noch wichtiger als in anderen Bereichen. Doch eine aktuelle Umfrage (1) zeigt: Sie spielt in der Empfehlung von Arzneimitteln in der Apotheke noch keine Rolle. Pharmaunternehmen propagieren zwar ihre Bemühungen, die Klimabilanz zu verbessern und ökologischer zu wirtschaften - doch hört hier Nachhaltigkeit bereits auf?

Nein, denn es handelt sich um ein mehrdimensionales Konzept, das ganzheitlich verfolgt werden muss. Nur "grün" ist hier zu kurz gedacht, wie Experten beim Weleda Fachpresse-Club in München2 diskutierten. Für einen nachhaltig gesunden Menschen und einen nachhaltig gesunden Planeten ist eine ganzheitlich nachhaltige Phamazie notwendig.

Über Mülltrennung und CO2-Ausstoß hinaus: Nachhaltigkeit weiterdenken
Wenn Nachhaltigkeit in der Pharmazie sichtbar wird, dann häufig in Form von umweltschonender Produktion. Einige Hersteller unternehmen bereits Anstrengungen, um den ökologischen Fußabdruck ihrer Produkte zu minimieren. Ein niedrigerer CO2-Ausstoß, die Reduktion von Abwässern und Abfällen sowie die geringere Verwendung von Plastik sind hier gängige Maßnahmen.

Doch Ökologie ist nur eine Dimension von Nachhaltigkeit. Davor diese als einzige zu verfolgen und zu propagieren, warnt Prof. Dr. Michael Müller, Leiter des Lehrstuhls für Pharmazeutische und Medizinische Chemie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg: „Auch eine ökologische Orientierung […] ist aufgrund ihrer Einseitigkeit weder besser noch schlechter als jede andere einseitige – anstatt ganzheitliche – Orientierung.“

Damit Pharmazie wirklich nachhaltig sein kann, dürfen auch die medizinische, soziale, ökonomische, ethische und kulturelle Dimension nicht vernachlässigt werden. Sie beeinflussen und bedingen sich gegenseitig und können daher nicht getrennt voneinander betrachtet werden. Eine rein ökologische „grüne Pharmazie“ ohne Einbeziehung der anderen Nachhaltigkeitsdimensionen verurteilt der Experte als Greenwashing und hält dieses im Kontext von Arzneimitteln und Krankheiten sogar für gefährlich. Denn eine ökologische Arzneimittelproduktion schließe die Verwendung umweltschädlicher persistenter Stoffe in Arzneimitteln nicht notwendigerweise aus. Und auch dem Problem von Antibiotika-Resistenzen sei hiermit noch nicht beigekommen.

Der Schaden für Mensch und Umwelt sei auch zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht gänzlich absehbar. Ein verantwortungsbewusster Umgang mit Medikamenten könne nur über ein kollektives Umdenken (inklusive gesetzlicher Regularien für Politik und Wirtschaft) erreicht werden. Dazu gehöre auch ein Umgang mit Gesundheit – individuell und gesellschaftlich –, der die Vermeidung von Krankheiten durch Prävention ausdrücklich befürwortet und fördert. Mit dem Endziel, dass weniger Bedarf nach Arzneimitteln bestehe.

Regulieren statt blockieren für nachhaltig gesunde Patient:innen
Die Integrative Medizin kann hier eine weitere wichtige Stellschraube sein: Ihr Fokus liegt neben der Prävention vor allem auf einer ganzheitlichen Stärkung der Selbstheilungskräfte im Rahmen der Behandlung. Die Anthroposophischen Arzneimittel von Weleda verfolgen mit Hilfe der salutogenetischen Perspektive für eine nachhaltig orientierte Therapie (indirekt) das Ziel, dass bspw. weniger Antibiotika zum Einsatz kommen müssen, wie Dr. med. Martin Schnelle, Leiter des Bereichs Medizin bei der WELEDA AG, erklärt. Das Potenzial für eine mögliche Verringerung antimikrobieller Resistenzen durch Behandlungskonzepte der Integrativen Medizin wurde in einem narrativen Review als vielversprechend bezeichnet. (2)

Darüber hinaus konnte in einer prospektiven vergleichenden Beobachtungsstudie gezeigt werden, dass sich durch den Einsatz verschiedener Therapien der Anthroposophischen Medizin (inkl. Arzneimitteln) bei der Behandlung von Bronchitis und Mittelohrentzündung bei Kindern mit deutlich weniger Antibiotika genauso gute Ergebnisse erzielen ließen wie mit einer konventionellen Therapie. (3)

Mehr als nur auf einen grünen Zweig kommen: Weleda geht voran
Denn neben pharmazeutischer und ökologischer Nachhaltigkeit ist das gesetzte Ziel, auch ethisch und sozial fair zu wirtschaften. Hierbei liegen stets das Unternehmensmotto „Im Einklang mit Mensch und Natur“ sowie das One-Health-Prinzip zugrunde: Nur wenn Natur und Erde gesund sind, können auch wir Menschen gesund bleiben. 2021 wurde die gesamte Weleda-Gruppe Teil der B-Corporations-Bewegung, kurz „B Corp“. Diese Zertifizierung ist offizieller Ausdruck dessen, was Weleda bereits sehr lange verfolgt: Ein Geschäftsmodell, das die finanzielle und ethische Wertschöpfung in Balance bringt und bei dem Gewinn kein Selbstzweck ist, sondern der Schaffung eines Mehrwertes für die Gesellschaft dient.

Im Oktober dieses Jahres wurde mit Erreichen der Klimaneutralität aller Weleda-Produkte einschließlich der Arzneimittel ein weiterer großer Meilenstein gesetzt.

Für ihre anhaltenden Bemühungen hat Weleda im September 2022 vom BAH (Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller e. V.) den Nachhaltigkeitspreis verliehen bekommen. Doch auch dies ist kein Grund, sich auszuruhen. Nächste Schritte sind, so Dr. Stefan Siemer, Leiter des Bereichs Nachhaltigkeit bei der Weleda AG, kontinuierlich in Arbeit.

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Was ist uns die Gesundheit von Mensch und Natur wert?
Nachhaltigkeit hat in der Pharmabranche noch nicht den Stellenwert, den sie wohl haben sollte. Zudem muss klar sein, dass sie nur ganzheitlich funktionieren kann. Mehr Aufklärung, etwa zur richtigen Entsorgung von Arzneistoffen, aber auch zu nachhaltigen Herstellern, sollte hier oberste Priorität sein. Um nicht blauäugig grün zu empfehlen, sondern alle Dimensionen von Nachhaltigkeit zu berücksichtigen, kann ein Ampelsystem, das Ärzt:innen und Empfehler:innen auf einen Blick zeigt, wie nachhaltig ein Arzneimittel wirklich ist, eine entscheidende Hilfe sein.

Literaturhinweis:

(1) Aposcope-Umfrage im Auftrag von Weleda unter 300 verifizierten Panelisten (50 % Apotheker:innen und 50 % PTA), Omnibus-Teilnahme am 12.07.2022, Erhebungsart: online.
2Weleda Fachpresse-Club, München, 29. November 2022
(2) Baars EW, Zoen EB, Breitkreuz T et al. The Contribution of Complementary and Alternative Medicine to Reduce Antibiotic Use: A Narrative Review of Health Concepts, Prevention, and Treatment Strategies. Evid Based Complement Alternat Med. 2019; 2019:5365608
(3) Baars EW, Zoen EB, Breitkreuz T et al. The Contribution of Complementary and Alternative Medicine to Reduce Antibiotic Use: A Narrative Review of Health Concepts, Prevention, and Treatment Strategies. Evid Based Complement Alternat Med. 2019; 2019:5365608