Medizinischer Fachbereich

Wermut

Name: Artemisia absinthium L.

Botanische Familie: Asteraceae (Korbblütler)

Die Pflanzengattung Artemisia ist sehr artenreich und umfasst mehrere hundert Arten. Bei uns bekannt und genutzt werden neben Wermut beispielsweise Beifuß (Artemisia vulgaris) und Eberraute (Artemisia abrotanum).

Name: Weitere umgangssprachliche und zum Teil regionale Namen sind Heilbitter, Bitterer Beifuß, Wurmkraut, Wiegenkraut oder Magenkraut, um nur einige zu nennen.

Der Name Artemisia geht auf die griechische Göttin Artemis, Göttin der Wälder und der Jagd zurück, die auch als Beschützerin von Frauen und Kindern gilt.

Der Name Wurmkraut, sowie auch die englische Bezeichnung „wormwood“ deuten auf seinen volksmedizinischen Einsatz bei Wurmerkrankungen hin.

Heimat: Ursprünglich in Steppenregionen Asiens beheimatet, mittlerweile in nahezu ganz Europa, Nordafrika, sowie auch Nordamerika anzutreffen.

Vorkommen: Wermut bevorzugt kalkhaltige und nährstoffreiche, lockere Böden. Steinig-felsige, sommertrockene Standorte in sonnigen Lagen mag der Wermut und so ist er bei entsprechenden Bedingungen an Wegrändern, Felshängen, Zäunen und in Gärten, auf Schuttplätzen oder auch in der Nähe von Ruinen anzutreffen.

Beschreibung: Graugrün-silbrig steht er da, Blatt und Stängel prägen seine buschige Gestalt, die nach oben hin lichter und luftiger wird. Meist erreicht der mehrjährige Halbstrauch eine Höhe zwischen 30 und 80 cm, selten gar bis zu 150 cm. Ein Alter von 3-10 Jahren kann der Wermut erreichen, aus seinem waagrecht wachsenden, mehrköpfigen Rhizom treiben jedes Jahr aufs Neue an mehreren Stellen Sprosse aus, die in den unteren Abschnitten häufig verholzen. Sowohl Stängel, als auch die gefiederten Blätter sind weiß-filzig behaart. Eher botanisch, als optisch auffällig ist die Blüte. Während die Blüten der meisten Korbblütengewächse wie z.B. Sonnenblume, Löwenzahn oder Ringelblume, als offene Einzelblüten dastehen und sich mit leuchtenden Farben der Sonne entgegenstrecken, zeigen die Blüten des Wermuts eine ganz andere Geste. Sie sind eher schmutzig gelb, kugelig zusammengerollt und treten zuhauf rispenartig in den oberen Stängelabschnitten auf. Die Blütenköpfchen hängen schlaff und ohne Formkraft nach unten und scheinen mehr nach innen als nach außen zu streben. Zwischen die Blüten schieben sich immer wieder Blätter, die in den oberen Abschnitten einfacher werden. Nähert man sich der Pflanze, so kann man einen stark aromatischen Geruch wahrnehmen.

Verwendete Pflanzenteile: Geerntet wird das Kraut zur Blütezeit. Da die unteren Abschnitte häufig verholzt sind, werden, wie im HAB und Europäischen Arzneibuch beschrieben die oberen Sprossteile mit Blättern und Blüten, sowie die basalen Laubblätter- entweder frisch oder getrocknet- verwendet.

Inhaltsstoffe: Sesquiterpenlacton-Bitterstoffe, v.a. Absinthin, ätherisches Öl mit Thujon und weiteren Mono- sowie Sesquiterpenen, Flavonoide (Glykoside von Kämpferol und Quercetin), Kaffeesäure und andere Phenolcarbonsäuren.

Cave: In normaler Dosierung sind keine Nebenwirkungen zu erwarten, bei Überdosierung kann es jedoch aufgrund des Thujongehalts zu Zittern, Schwindel, Kopfschmerz, Muskelkrämpfen und Magen-Darm-Symptomen kommen. Das ätherische Öl soll wegen seines Gehalts an Thujon nicht isoliert angewendet werden.

Während Schwangerschaft und Stillzeit Wermut nicht anwenden. Vorsicht geboten ist auch bei Säuglingen und Kleinkindern, sowie bei Magen- und Darmgeschwüren.

Wirkung: Wermut zählt zu den Amara aromatica, d.h. zu den aromatischen Bittermitteln, die neben Bitterstoffen auch ätherische Öle enthalten. Diese beiden Inhaltsstoffgruppen sind auch hauptsächlich für die Wirkung verantwortlich. Eine reflektorische Erregung der Bitterrezeptoren der Geschmacksknospen am Zungengrund führt zu einer gesteigerten Magensaftsekretion, sowie zu einer Erhöhung der Säurekonzentration. Auch eine choleretische Wirkung wird dem Wermut zugeschrieben. Insgesamt wirkt er tonisierend auf körperlicher und seelischer Ebene.

Indikationen: Subazide Gastritis, dyspeptische Beschwerden wie Blähungen, Völlegefühl, Sodbrennen, Druckgefühl im Oberbauch; Verdauungsschwäche, Appetitlosigkeit, Dyskinesien der Gallenwege.

Konkret benennt die Kommission E für Wermutkraut im phytotherapeutischen Bereich Appetitlosigkeit, dyspeptische Beschwerden, sowie Dyskinesien der Gallenwege als Anwendungsgebiete. Die Kommission D (homöopathische Therapierichtung) gibt für Artemisia absinthium Erregungszustände und Krampfleiden, sowie Magenschleimhautentzündung als Indikationen an.

Historisches: Der griechische Arzt Dioskurides erwähnt den Wermut bereits und auch Hildegard von Bingen beschreibt ihn ausführlich.

Um diese alte Heilpflanze, die von der Antike bis heute geschätzt wird, ranken zahlreiche mehr oder weniger mystische Bräuche. So sollte ein Zweig Wermut, der über die Wiege eines Säuglings gehangen wird, das Kind vor bösen Mächten schützen und zu einem ruhigen Schlaf führen. In manchen Regionen ist Wermut aus diesem Grund auch als Wiegenkraut bekannt. Der sogenannte „Vierräuberessig“, der im 18. Jahrhundert in Frankreich entstand, enthielt neben Wermut noch weitere Kräuter wie Ruta und Wacholder und sollte die Pest und andere Infektionskrankheiten fernhalten. Und auch in den Weihbüscheln, die heutzutage noch vielerorts zu Mariä Himmelfahrt gebunden werden, darf Wermut nicht fehlen.

Im 19. Jahrhundert erfreute sich das Modegetränk Absinth, ein Wermutdestillat mit weiteren Pflanzenauszügen, großer Beliebtheit, wurde jedoch 1923 per Gesetz in Deutschland verboten. Seit 1998 ist Absinth unter Einhaltung eines maximalen Thujongehalts wieder auf dem Markt und erfährt gerade in den letzten Jahren eine Renaissance.

Volksmedizinische Anwendungsgebiete: Traditionell wurde Wermut neben den genannten Indikationen auch bei Menstruationsbeschwerden, Blutarmut, schlecht heilenden Wunden, Ekzemen, grippalem Infekt & Erkältung, Kopfschmerzen, Rheuma, Wurmerkrankungen und weiteren parasitären Erkrankungen eingesetzt.

Wermut in der Anthroposophischen Medizin: Bittermittel sind in der Anthroposophischen Medizin von zentraler Bedeutung, fördern und regulieren sie doch das Eingreifen der oberen Wesensglieder in die Verdauung, machen den Ätherleib (die Lebens-Organisation) geneigt, den Astralleib (die Empfindungs- oder Seelenorganisation) aufzunehmen. Dies gilt gleichermaßen auch für Wermut. Betrachtet man die Pflanze genauer, fällt die Durchdringung von Blatt- und Blütenregion auf. Blatt und Blüte greifen ineinander, sinnbildlich für die Wirkung des Wermuts, dessen heilende Kräfte dafür sorgen, dass das Nerven-Sinnes-System in das Stoffwechsel-System eingreift und Wahrnehmungs- und Umwandlungsprozesse von Fremdem unterstützt werden.

Wermut bei Weleda: Wermut wird im weledaeigenen Heilpflanzengarten bei Schwäbisch Gmünd angebaut, der nach den Richtlinien der biologisch- dynamisch Landwirtschaft bewirtschaftet wird. Das geerntete blühende Kraut wird unmittelbar in der nahegelegenen Tinkturenherstellung weiterverarbeitet. Für die Arzneimittelherstellung wird bei Weleda sowohl das frische, als auch das getrocknete Kraut verwendet.